Der Laaer Berg als Zukunftslabor für die Stadt
Nach Erkundungen, Spaziergängen und Workshops im Frühjahr und Sommer gehen die 10x Erdgeschichten nun in ihre herbstliche Schlussrunde. Dabein bringen wir bereits einen Teil unserer Projekt-Ernte ein: viel neu gewonnenes Wissen, Boden- Kompetenzen, viele neue Kooperationen und neue, elaborierte Vermittlungsformate, die wir bei unseren zahlreichen Schul-Exkursionen am Feld zum Einsatz bringen wollen.
Haben wir bisher unterschiedliche Geschichten und Perspektiven auf den Laaer Berg und seine Böden zusammengetragen, von geologischen und botanischen Grundlagen über die bewegte Nutzungs– und Sozialgeschichte bis zur wissenschaftlichen, praktischen und künstlerischen Beschäftigung mit Boden, richtet sich unser Blick nun auf Gegenwart und Zukunft: Wie gehen wir mit Boden um? Wer nutzt, teilt, kultiviert und gestaltet unsere Böden – und unter welchen Bedingungen?
Die vielen Hitzetage dieses Sommers haben diesen Fragen zusätzliche Dringlichkeit gegeben. Gesunde Böden und Freiräume spielen eine zentrale Rolle, wie unsere Stadt mit zunehmender Hitze und Trockenheit umgehen kann: Sie speichern Wasser, bieten Lebensraum und machen ganze Landschaften widerstandsfähiger.
Welche Funktionen, Landschaftsbilder und Nutzungsweisen brauchen wir künftig – und wie können wir sie gemeinsam neu denken und gestalten?
Boden wertschätzen, bewahren und regenerieren
Aus den Erdgeschichten der vergangenen Monate nehmen wir zwei zentrale Gedanken mit: Boden ist Grundlage unseres Lebens und zugleich eigenständiger, hochkomplexer Lebensraum – eine begrenzte und in menschlichen Zeiträumen kaum erneuerbare Ressource. Entsprechend achtsam und regenerierend müssen wir mit ihm umgehen. Zugleich haftet gerade dem Boden der Nimbus des Beständigen und Bleibenden an – oft missbraucht, um Wandel zu blockieren.
Die Geschichte des Laaer Bergs erzählt jedoch von permanenten und radikalen Transformationen: Boden, Landschaft und Ökosystem verändern ich sich durch natürliche Prozesse aber auch – hier besonders sichtbar – durch Urbanisierung und großmaßstäbliche menschliche Eingriffe. Unsere Lebensgrundlage Boden zu schützen heißt daher nicht, einen Zustand festzuschreiben, sondern seine Lebendigkeit und Regenerationsfähigkeit zu stärken und seine Entwicklung bewusst mitzugestalten.
Veränderung nicht nur als Verlust, sondern als Handlungsspielraum begreifen
Die Böden unserer Zukunft sind vielfach bereits transformierte Böden: geprägt von Altlasten und Versiegelung ebenso wie von neuen Naturräumen und Ökosystemen. Der Laaer Berg ist dafür ein Lehrbuch. Er zeigt uns: Wie wir Boden nutzen, kultivieren und gestalten und für wen er Lebensraum ist, das ist wandel- und verhandelbar. Darin liegen Handlungsspielräume für einen neuen Umgang mit urbanen Böden und für eine neune “Bodenkultur”, in denen menschliche Nutzung und Ökosystem zusammenspielen, Böden sich regenerieren können und unterschiedliche Formen des Nutzens, Teilens und Gestaltens Platz finden.
Der Landwirtschaft hier in der Metropole Wiens, besonders am süd-östlichen Laaer Berg spielt dabei eine zukunftsweisende Rolle. Bei einem gemeinsamen Walk mit Landwirten, zeigen sie uns ihren Umgang mit (Klima)Wandel und wie sie ihren Betrieb mit neuen Kulturen und Bewirtschaftsformen ständig Lernen und im Wandel bleiben müssen, um den für uns so wichtige lokale Nahrungsmittelproduktion erhalten zu können.
In den kommenden Erdgeschichten wollen wir diese Handlungsspielräume ausloten: neue Nutzungsweisen und Landschaftsbilder entwerfen, tiefer in den lebendigen Kosmos Boden, seine Organismen, Prozesse und Wechselwirkungen eintauchen und neue Dialoge zwischen Boden und Gesellschaft erproben.
Kunst ist seit jeher Vermittlerin zwischen Boden und Mensch und Tragwerk der 10x Erdgeschichten. Kultur und Agrokultur, Bodenarbeit und die Gestaltung von Landschaft, Alltagsarbeit und Rituale gehören seit jeher zusammen und prägen auch unser Feldprojekt in der Löwygrube.
Bodenbildung – neue Alltagskompetenzen durch Tun und Erleben
Ein wesentlicher Teil unserer Kunst- und Vermittlungsarbeit gilt den Schulen und der Jugendarbeit in Favoriten. Wir wollen mit 10x Erdgeschichten die vielen Perspektiven, aus denen man Boden verstehen kann, für Kinder und Jugendliche aufbereiten und in künstlerischer Weise in ihren unmittelbaren Lebensraum tragen. Wissenschaftliches Wissen, lokale Geschichte und gärtnerisches Erfahrungswissen treffen dabei auf Kunst als Vermittlerin, sinnliche Erfahrung und eigenes Tun: Boden soll nicht nur erklärt, sondern erlebt, erforscht und als Teil des eigenen Lebensraums und des eigenen Seins verstanden werden. Mit zehn Schulworkshops am Feld und zwei Schulfesten haben im Frühjahr druchgeführt. Mit Schulstart geht es im Herbst weiter. So wollen wir Bodenwissen und Bodenbewusstsein bei jungen Menschen stärken und Alltagkompetenzen zum Thema Boden in Schule und Gesellschaft verankern – ganz im Sinne der Soil Literacy, einem zentralen Anliegen von der EU-weiten Förderschiene “Soil Mission” / SoilTribes, die dieses Projekt fördern.
Erdprozession – die Erdgeschichten ziehen vom Laaer Berg in die Stadt
Bereist zum vierten Mal gestalten wir eine Erdprozession, bei der wir die gesammelten Geschichten, Erfahrungen und Zukunftsbilder von unserem Feld in der Löwygrube ins Treiben der Stadt tragen. Es ist die gemeinsame Ernte unserer Erdgeschichten und eine Einladung, die Zukunft des Bodens am Laaer Berg und darüber hinaus gemeinsam weiterzudenken und ihn pflegend als Lebensgrundlager kommender Generationen lebendig und fruchtbar zu halten.
Die Teilnahme aller Veranstaltungen ist kostenfrei! 10x Erdgeschichten ist eine Initiative der LaaerBergBauerInnen in Zusammenarbeit mit toZOMIA und der Central European University (CEU), gefördert durch die Europäische Union im Rahmen des Projekts SoilTribes. Anmeldung per E-Mail: 10xsoilstories@lbb.wien Name & Titel der Veranstaltung angeben
Alle Veranstaltungen werden in Kooperation mit der VHS Favoriten angeboten – Anmeldung möglich unter: VHS – Naturwisenschaften & VHS Politik, Gesellschaft & Kultur
